Die Lösung der Kleśas
Jetzt haben wir also die fünf kleśas, die Grundübel und Ursachen des Leidens, die Patañjali benennt, kennengelernt und ausführlich beschrieben:
āvidya - das Unwissen
asmitā - die Ich-Identifikation
rāga - das Anhaftungsprinzip
dveśa - das Ablehnungsprinzip
abhiniveśa - die Angst vor dem Tod.
Was ist also sein Lösungsansatz, wie man mit diesen Ursachen umgehen soll?
Zum Einen haben wir ja bereits zuvor schon die fünf yamas (Tugenden im Verhältnis zur Außenwelt):
ahiṃsā - die Gewaltlosigkeit
satya - die Wahrhaftigkeit
asteya - das Nicht-Stehlen
brahmacarya - das Ausrichten aller Energie und Taten auf das Höchste
aparigrāha - das Nicht-Begehren
und die fünf niyamas (Tugenden im Verhältnis zu sich selbst):
śauca - Reinheit & Ordnung
santoṣa - Bescheidenheit & Zufriedenheit
tapas - intensive spirituelle Praxis
svadhyaya - das Selbststudium
īśvarapraṇidhāna - Hingabe an den persönlichen Gott
kennengelernt.
Diese wirken sich besonders auf kleśas wie asmitā (Egozentrik), rāga (Verlangen, Wünsche) und dveśa (Ablehnung, Verneinung) aus.
Wir haben zum Beispiel aparigrāha (das Nicht-Besitzen-Wollen bzw. Unbestechlichkeit) oder asteya (das Nichtstehlen, das aus einer inneren Fülle resultiert). Beides sind innere Qualitäten, die diesen kleśas direkt entgegenwirken.
Īśvarapraṇidhāna (die Hingabe an den persönlichen Gott) hilft, asmitā (die Ich-Identifikation) zu überwinden, indem wir unser Handeln einem höheren Prinzip opfern, anstatt aus einem kleinen Ego heraus zu handeln. Svādhyāya (das Selbststudium und das Studium der Schriften) hilft, avidyā (die Unwissenheit) zu überwinden, die letztlich auch für abhiniveśa (die Angst vor dem Tod) verantwortlich ist.
Außerdem sagt Patañjali in sutra 1.12 (also noch bevor er die kleśas anspricht):
Die Kontrolle der Wellen im Geist wird durch kontinuierliche Übung (abhyāsa) und Losgelöstheit (vairāgya) erreicht.
und in sutra 2.26:
Die ununterbrochene Unterscheidungskraft (viveka) ist das Mittel zur Befreiung.
Viveka ist die Fähigkeit, zwischen Wahrem und Falschem, Unvergänglichem und Vergänglichem zu unterscheiden. Wenn diese Fähigkeit ausgebaut und kontinuierlich angestrengt wird, lösen sich die kleśas von alleine auf.
Denn wieso sollte man an Vergänglichem haften?
Wieso sollte man sich von Unwahrheit beirren lassen?
Wieso sollte man Leid in Kauf nehmen?