Antarāya
In der Philosophie des Yoga kann man sagen, dass Yoga das Zur-Ruhe-Bringen des Geistes ist.
Daher ist die Zerstreuung des Geistes die größte Schwierigkeit für Yoga. Deshalb nennt Patañjali neun antarāyas (Hindernisse), die für die Zerstreuung sorgen und vier Geisteszustände, die daraus resultieren. Die Geisteszustände sind quasi die Symptome, die entsprechend besser zu erkennen sind, als die zugrunde liegenden Hindernisse.
Die neun antarāyas sind:
vyādhi (Krankheit/körperliche Einschränkung)
styāna (Mangel an Interesse, Mangel an Enthusiasmus, Apathie)
samshaya (Zweifel, Unentschlossenheit)
pramādā (Arroganz, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit)
ālasya (Trägheit, Faulheit)
avirati (Anhaftung an Dingen, Abgelenktheit)
bhrāntidarshana (Verblendung, falsche Ansicht)
alabdhabhūmikatva (fehlende Zielstrebigkeit)
anavasthitatva (Unstetigkeit, Unbeständigkeit)
Mit Ausnahme von Krankheiten und körperlichen Einschränkungen (z.B. Verletzungen) sind alle genannten antarāyās Eigenschaften des Geistes.
Patañjali sagt in sutra 1.30:
"Die Hindernisse, welche den Geist trüben, sind: körperliche Einschränkung, Stumpfsinn, Zweifel, Arroganz, Faulheit, Abgelenktheit, Fanatismus, mangelnde Zielstrebigkeit, Unbeständigkeit."
Und ergänzt in sutra 1.31 die folgenden Symptome:
"Leid, Depression, Nervosität, unruhige Atmung ergeben sich aus dieser Zerstreuung."
Wer sich also in einem dieser Symptome wiedererkennt, kann versuchen, die Hindernisse auszumachen, die dafür ursächlich sein könnten.
Und dann?
Patañjali beschreibt immer wieder, dass abhyāsa (Beständigkeit, kontinuierliches Üben) und vairāgya (Entsagung, Loslassen, Leidenschaftslosigkeit gegenüber dem Vergänglichen) die beiden Lösungen für die Hindernisse sind.
Gegen einen depressiven, niedergeschlagenen Geist (mūḍha), einen zerstreuten Geist (kṣipta) und den noch teilweise unentschlossenen, zwischen Bestreben und Nichtbestreben schwankenden Geist (vikṣipta) hilft zudem laut sutra 1.34 prāṇayāma, genauer gesagt bhaya kumbhaka, das Anhalten der Luft nach der Ausatmung:
"Klarheit des Geistes wird auch durch das Ausstoßen und das Stillhalten des Atems erreicht."
Und laut sutras 1.35 - 1.39 wird die Beendigung der Zerstreuung durch Konzentration des Geistes auf verschiedene innere Objekte erreicht.
Die "Einpünktigkeit" (one-pointedness, ekāgratā) des Geistes ist die Lösung für die inneren Probleme. Erreicht wird sie über das Loslösen der Sinne von äußeren Objekten (pratyāhāra), was, wenn es regelmäßig und kontinuierlich geübt wird, zu Konzentration (dhāraṅā) führt.
Yoga ist also eigentlich weniger das Üben von Gymnastikübungen (wenngleich diese auch auf den Geist wirken), sondern vielmehr das Verstehen der inneren Wirkweisen des Körpers und vor allem des Geistes. Letztlich gibt es für uns nichts, was außerhalb des Geistes stattfindet. Diesen zu verstehen und zu verstehen, wie wir mit ihm umgehen können, das ist viel mehr Yoga als irgendeine Haltung - mag sie noch so einfach oder kompliziert erscheinen.