Brahmacarya
Brahmacarya ist die nächste Tugend in der Reihe der yamas und heißt nicht - wie so oft missverstanden - bloße sexuelle Enthaltsamkeit.
Wörtlich könnte man es übersetzen als "sich so zu bewegen, zu handeln und zu leben, dass jede Bewegung aus dem Bewusstsein des Höchsten entspringt". Eine etwas praktischere Interpretation könnte lauten: "die Energie in Richtung des Selbst ausrichten".
Das heißt auch, seine Energie vernünftig zu verwalten und sie nicht bei jeder Gelegenheit in weltlicher Aktivität zu verschwenden. Insbesondere sind sexuelle Aktivitäten solche, die sehr viel Verlangen und sexuelle Gedanken in uns auslösen, was es schwierig macht, sich nicht mit den Gedanken zu identifizieren und sein Bewusstsein auf das Höchste gerichtet zu halten, weshalb brahmacarya so häufig in erster Linie damit in Verbindung gebracht wird. Aber nur weil jemand sexuell abstinent ist, ist er kein brahmacari. Und jemand, der sexuell aktiv ist, kann dabei trotzdem im Bewusstsein des Höchsten verankert sein.
Brahmacarya ist also kein Rückzug nach innen, sondern eine bewusste Art, in Beziehung zur Welt zu treten, ohne sich (also das reine Bewusstsein) zu verlieren. Und damit vielleicht auch die herausforderndste Tugend der yamas, die Patañjali nennt.
Patañjali sagt in sutra 2.38:
"Wenn das Leben in Bewusstheit des Absoluten zur Grundlage geworden ist, entsteht unerschöpfliche schöpferische Kraft."
Wenn man brahmacarya nicht moralistisch, sondern ontologisch versteht, beschreibt der Vers einen energetischen und spirituellen Zustand:
Nicht die Unterdrückung von Sexualenergie, sondern ihre Transmutation in Präsenz, Klarheit und schließlich Lebenskraft, weil die Bewegung (carya) vollständig im Bewusstsein (brahman) ruht.