Avidyā
Neben fünf yamas und fünf niyamas finden wir in den yoga sutras von Patañjali auch fünf kleśas, fünf Grundursachen für inneres Leiden.
Manche dieser "Grundübel" sind abstrakter und subtiler, manche sind konkreter und einfacher zu erkennen.
Avidyā ist das erste kleśa und heißt übersetzt einfach Unwissenheit. Unwissenheit kann sich über alle möglichen Aspekte legen und wenn wir etwas nicht wissen, können wir bestimmte Zusammenhänge auch nicht erkennen und ist somit die Ursache für alle anderen kleśas.
Patañjali sagt in sutra 2.6
Unwissenheit ist der Nährboden für die anderen Qualen. Diese können latent, schwach, wechselnd oder beständig sein.
Wenn wir zum Beispiel nicht wissen, dass unsere Ernährung und unsere Gedanken miteinander zusammenhängen, werden wir es schwieriger haben, negative Gedankenspiralen loszuwerden (es ist zwar nicht nur die Ernährung, aber das ist ja auch nur ein Beispiel).
Letztlich geht es bei avidyā vor allem darum, dass wir kein Wissen über unsere wahre Natur haben und uns deshalb fälschlicherweise mit dem Körper, seinen emotionalen und mentalen Aktivitäten, seinen Fähigkeiten und Talenten oder materiellem Besitz identifizieren.
Patañjali sagt weiter in sutra 2.5:
Durch avidyā (Unwissenheit) hält man das Vergängliche, Unreine, Leidvolle, das Nicht-Selbst fälschlicherweise für das Ewige, Reine, Freudvolle, das Selbst.
Diese falsche Identifikation ist selbst ein weiteres der fünf kleśas namens asmitā und wird entsprechend in einem anderen Artikel ausführlicher diskutiert.
Unwissenheit jedenfalls wird durch Wissen und Erkenntnis aufgelöst. Zwar bietet Patañjali mit den sutras den Weg des rāja yoga, der am Ende in einem anhaltenden Einheitsbewusstsein kulminiert, aber insbesondere der Weg des jñana yoga sorgt für Klarheit über das wahre Wesen des Selbst. Deshalb ist ein Mix verschiedener yogischer Praktiken, Techniken und Wege wichtig. Immer gerade das, was an dem Punkt, an dem man sich befindet, den nächsten Schritt ermöglicht.
Gleichzeitig ist es aber immer ein "Weg ohne Weg". Da die wahre Natur allgegenwärtig (also immer in der Gegenwart) ist, gibt es keine Möglichkeit, sie über einen Zeitraum (also in der Zukunft) hinweg zu erreichen. Diese "Wege" dienen lediglich der Erkenntnis, welche Hindernisse uns davon abhalten, unsere wahre Natur zu erkennen und müssen auch dann hinter uns gelassen werden, wenn sie selbst zum Hindernis werden.