Letzte Woche hatten wir Patañjalis Definition von Yoga als das Zurückhalten der Wellen im Geist besprochen. Patañjali nennt dann sein achtgliedriges aṣṭāṅga (aṣṭa = acht, aṅga = Glied) System als Weg dahin.
Die acht Glieder sind
Yama (5 Verhaltensregeln im Bezug zur Außenwelt)
Niyama (5 Verhaltensregeln im Bezug zu sich selbst)
Āsana (die Sitzhaltung für die Meditation)
Prāṇāyāma (das Lenken des Atems um den Geist zu beruhigen)
Pratyāhāra (das nach-innen-Kehren der Sinne, weg von den Objekten der Sinneswahrnehmung)
Dhāraṇā (die Konzentration auf das Objekt der Meditation)
Dhyāna (die Meditation)
Samādhi (die Versenkung in das Objekt der Meditation)
Die fünf Yamas und die fünf Niyamas haben wir bereits früher schon erwähnt und besprochen. Āsana heißt für Patañjali eine für die Meditation geeignete Sitzhaltung. Diese soll stabil und angenehm sein. Der ganze Gymnastik-Anteil, den wir gemeinhin heutzutage als "Yoga" bezeichnen, ist damit nicht gemeint. Dieser ist lediglich ein relativ modernes Phänomen, das durch Tirumalai Kṛṣṇamācārya und vor allem dessen Schüler Bellūru Kṛṣṇamācār Sundararāja Aiyaṅgār (aka BKS Iyengar) & Kṛṣṇa Pattābhi Jois im Westen populär wurde.
Und wenngleich es bei Patañjali, wie in den Yoga-Upaniṣaden, nur um wenige für die Meditation geeignete Haltungen ging, können wir auch in der modernen Āsana-Praxis anstreben, die anderen Glieder einzubeziehen. Das heißt, die Haltung einzunehmen, in der Haltung anzukommen, diese zu verfeinern, um dann in der Haltung unsere Mitte zu finden, die Atmung zu beruhigen, ohne den Atem besonders zu kontrollieren, und dann unseren Geist nach innen zu richten. Für tiefe Meditationszustände sind die meisten Haltungen sicherlich nicht geeignet, aber sie helfen uns doch, den Geist zu sammeln und zu konzentrieren.
Und in einer Welt, in der eine Ablenkung die nächste jagt, sind Fokus und Konzentrationsfähigkeit das Gegengift.