Im letzten Artikel hatte ich bereits ein paar Worte über die Āsana-Praxis verloren. In vielen antiken Yogaschriften wird immer wieder hervorgehoben, dass es Millionen von Āsanas gibt. Das leuchtet ja auch ein, da im Grunde jede Haltung, die man mit dem Körper einnehmen kann, eine Āsana ist. Wir sehen das beispielsweise im Unterschied von Tadāsana (Berghaltung) und Ūrdvha-Hastāsana (Berghaltung mit Armen nach oben), wo der Unterschied im Grunde genommen nur die Armhaltung ist.
Von allen möglichen Haltungen, die der Körper einnehmen kann, wurden dann von den Yogis 84 sog. Yogāsanas herausgearbeitet, wobei die Zahl 84 eher symbolischen und numerologischen Charakter hat. Welche Haltungen darunter fallen, wurde nämlich nie einheitlich festgelegt. Die antiken Schriften, die Yoga-upaniṣads, aber auch die neueren, mittelalterlichen Schriften wie die Gorakṣa-Saṃhitā (beschreibt gerade mal 2 Āsanas), die Śiva-Saṃhitā (4) oder die Haṭha-Pradīpikā (15) nennen allerdings eher wenige Āsanas. Und die, die genannt werden, sind zum größten Teil Sitz- & Meditationshaltungen wie Padmāsana, Siddhāsana oder Svastikāsana. Der Bereich Āsana nimmt also in den Schriften insgesamt einen sehr kleinen, geradezu unbedeutenden Teil des Haṭha-Yoga ein - mal von den anderen Yoga-Wegen abgesehen, die überhaupt keinen Wert auf Āsana legen.
Wie kommt es also, dass Yoga heutzutage von den allermeisten Menschen als eine Reihe von Gymnastikübungen, als eine Art Sport verstanden wird?
Dafür müssen wir uns die Geschichte des Yoga im Westen anschauen. Der erste größere Berührungspunkt war die Rede von Swāmi Vivekānanda vor dem Parlament der Religionen in Chicago 1893, wo er dem Westen die Advaita Vedanta Philosophie & vor allem Patañjalis Rāja-Yoga näherbrachte. Aber auch der Rāja-Yoga legt kaum Wert auf den Bereich Āsana.
Swāmi Vivekānanda (4.v.l.) beim Parlament der Weltreligionen.
Der Hype geht vielmehr auf das bereits vergangene Woche genannte Trio um Tirumalai Kṛṣṇamācārya zurück. Der auch als "Vater des modernen Yoga" bekannte Yogi lernte ab 1916 von seinem tibetischen Lehrer Rāma Mohana Brahmachārī nach eigener Aussage etwa 700 Āsanas, bevor er 1924 nach Indien zurückkehrte.
T. Kṛṣṇamācārya
In Indien war der Großkönig Mahārāja Kṛṣṇarāja Oḍeyar IV. sein Gönner und ermöglichte ihm, ganz Indien zu bereisen und Yoga zu verbreiten. Das ist kein unwichtiges Detail, denn laut Kṛṣṇamācāryas Schüler BKS Iyengar hatte die Königsfamilie, die von Kṛṣṇamācārya unterrichtet wurde, den Anspruch, einen Yogastil zu lernen, der auch "nach etwas aussieht". Deshalb entwickelte Kṛṣṇamācārya einen eher dynamischen Stil, der viele Sprünge, Übergänge und artistische Haltungen enthält und damit stark von der traditionellen Haṭha Yoga Praxis abweicht.
Seine Art zu lehren und zu unterrichten nannte er "Vinyāsa Krama". Vinyāsa setzt sich zusammen aus Vi- (präzise, genau, unterscheidend), ni- (nieder, hinein, fest) & āsa (setzen, platzieren) und heißt wörtlich übersetzt also so viel wie "präzise angeordnete Haltung". Im Vergleich zu den mittelalterlichen Schriften war seine Beschreibung der Āsanas viel detaillierter. Man könnte sagen, dass es eine Art Algorithmus für jede einzelne Haltung war, der, wenn man ihm folgt, immer dazu führt, dass man genau in dieser Haltung landen wird und nie in einer anderen. Dabei ging es für diesen Vinyāsa Stil nie darum, dass er dynamisch geübt wird. Im Gegenteil erwähnt Kṛṣṇamācārya in seinem Werk Yoga Makaranda den Vorteil von lange gehaltenen Übungen. So spricht er beispielsweise von 15 Minuten in der sitzenden Vorwärtsbeuge Paścimottānāsana und spricht ihr tiefgreifende therapeutische und spirituelle Wirkungen zu.
Sein Schüler BKS Iyengar folgte diesem statischen, präzise ausgerichteten Stil, während sein Schüler Kṛṣṇa Paṭṭābhi Jois den dynamischen Stil unter dem Namen Aśtaṇga Vinyāsa weiterentwickelte. Dabei ist aber im Aśtaṇga Vinyāsa ebenfalls die präzise Ausrichtung der Āsanas ein wichtiger Aspekt und die Haltungen werden auch hier immer für mindestens fünf tiefe und kontrollierte Atemzüge gehalten, bevor eine neue Haltung, die einer konsequenten vorgegebenen Sequenz entspringt, eingenommen wird. Ebenso ist die Position der Augen, also wohin man schaut, ein wichtiger Aspekt. Sowohl BKS Iyengars statischer, als auch Paṭṭhābi Jois' dynamischer Stil wurden im stark körperorientierten Westen gut angenommen und trafen hier auf den aufkommenden Fitness-, Gymnastik-, & Bodybuilding-Hype. Die stärker esoterischen, philosophischen und individuellen Dimensionen ihres Unterrichts traten im westlichen Yoga-Markt oft in den Hintergrund.
BKS Iyengar (links) & Paṭṭhābi Jois
In den USA wurden dann die festgelegten Sequenzen durchbrochen und aufgelöst und durch eigene, der indischen Tradition nicht mehr entsprechende Arten zu üben ersetzt, um Yoga dem Fitnessmarkt(!) zugänglicher zu machen. Der Geist des Yoga ging verloren und übrig blieb ein "ignorant bodybuilding" wie Paṭṭābhi Jois es nannte. Daraus entstanden "Power Yoga", "Baptiste Power Vinyasa" & parallel weitere Stile wie "Yin Yoga", die teilweise auch von lauter Musik begleitet sind (wie "Jivamukti Yoga").
Heutzutage bezeichnet der Begriff "Vinyāsa" für die meisten Menschen einen dynamischen Yogastil, der atemsynchron geübt wird, während es ursprünglich einmal das genaue und sorgfältige Einnehmen verschiedener Haltungen beschrieb. Letztlich bleibt es aber so wie eingangs erwähnt: die Āsanas spielen für Yoga eine untergeordnete Rolle. Sitzhaltungen wie Padmāsana, Siddhāsana oder Svastikāsana sind eigentlich nie Teil einer dynamischen Praxis, obwohl sie in den Yogaschriften eine besondere Stellung einnehmen. Ich wage zu behaupten, dass Yoga nie dazu gedacht war, einem Markt zugänglich zu sein, kommerzialisiert zu werden oder als Sport missverstanden zu werden.
Aber das ist eben, was Kommerzialismus tut: Die Essenz, den Geist von etwas zu entfernen und eine Hülle dessen zu verkaufen, was es eigentlich ist. Da das aber schnell langweilig wird, muss der Kommerzialismus ständig etwas neues erfinden, da der Konsument in der Regel für die Tiefe keine Zeit oder keine Lust hat oder schlichtweg überhaupt nichts von ihr weiß.
Verstehen wir den Yoga aus Sicht Patañjalis Rāja-Yoga als Weg zur Meditation und letztlich zur Befreiung, wird klar, wieso wir das nicht vermarkten können: Es ist zu individuell, zu langwierig und zu speziell, um es der breiten Masse häppchenweise aufzubereiten. So wie wir die Tiefe buddhistischer Meditation auch nicht kommerzialisieren können, geht es bei Yoga eben auch nur mit dem kleinen, geradezu unwichtigen Aspekt Āsana. Geht der Hype aber erst mal vorüber und übernehmen andere körperbetonte Übungsstile wie Pilates, bleibt ein Kern von Interessierten zurück, die die Flamme in sich und weiter tragen.
Der Kommerz & seine Trends kommen und gehen - Yoga bleibt.