Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ
Nach all den Texten der letzten Monat über Yoga, kommen wir heute mal zu der klassischen "Legaldefinition" von Yoga. Patañjali definiert Yoga in sutra 1.2 wie folgt:
"Yoga ist das Zurückhalten der Wellen im Geist."
Ich persönlich finde den Begriff "Welle" am treffendsten, auch wenn das Wort, das er benutzt, "vṛtti" von der Wurzel "vṛ" kommt, was so viel wie "wenden, drehen" bedeutet und verblüffend nah am deutschen "Wirbel" ist und tatsächlich die gleiche indoeuropäische Wurzel "*wer" hat. Eine Welle ist aber etwas, das kommt, einen Höhepunkt hat und dann wieder abebbt. So wie ein Gedanke, eine Emotion, ein Sinneseindruck (auch wenn die zumindest im Falle des Sehens konstant wirken können, obwohl das Sehen nur eine Aneinanderreihung von visuellen Impulsen ist) immer einen Beginn und ein Ende haben und nicht permanent sind.
Patañjali definiert daraufhin fünf verschiedene Arten von "vṛtti" in sutras 1.5-1.11 und sagt, dass diese schmerzhaft sein können, oder nicht.
So sagt er in sutra 1.6:
"(vṛttis sind) Gegenständliche Wahrnehmung (Pramāṇa), Fehlwahrnehmung (Viparyaya), mentale Konstruktion (Vikalpa), Schlaf (Nidrā) und Erinnerung (Smṛti)."
Und definiert die einzelnen vṛttis dann in 1.7-1.11:
"Gegenständliche Wahrnehmung (Pramāṇa) basiert auf dem was vor den Sinnen erscheint, was aus dem Denken entsteht und auf kompetenten Zeugenaussagen."
"Fehlwahrnehmung (Viparyaya) basiert auf falschem Wissen durch falsche Vorstellungen"
"Irrtum (Vikalpa) wird verursacht durch Identifikation mit Worten, die keine echte Grundlage haben."
"Der träge Geisteszustand ohne Bewegungen im Geiste wird Schlaf genannt."
"Erinnerung (Smṛti) ist das Bewahren von Erfahrungen der Vergangenheit."
Die Aktivität des Geistes geht also auch im Schlaf weiter, was die mandūkya upaniśad sich gänzlich zum Thema gemacht hat und den Schlaf mit Traum sogar dem Wachzustand gleichsetzt.
Doch selbst der traumlos tiefe Schlaf ist noch ein vṛtti nach Patañjali, da man diesen Geistzustand nicht beherrscht und er willkürlich einsetzt. Erst nach Beherrschung des Geistes wird der in der mandūkya upaniśad beschriebene, vierte Zustand des Geistes turīya, aktiv, der dann durch alle Zustände hinweg aktiv bleibt - Wachzustand (jāgrat), Schlaf mit Traum (svapna), Schlaf ohne Traum (suṣupti).
Aufgabe des Yoga ist es also, den Geist zu verstehen. Denn wer den Geist versteht, versteht sich selbst. Und wer sich selbst versteht, versteht die Welt. Und wer die Welt versteht, der kann die Welt ändern.
Patañjali fährt dann fort und erklärt die Möglichkeiten, wie der Geist zur Ruhe gebracht werden kann und was uns daran eventuell auch hindert. Ich hatte bereits die fünf yamas und die fünf niyamas sowie die fünf kleśas und die neun antarāyas beschrieben.
Aber bevor es zu kompliziert wird, reicht es erst mal, zu erkennen, dass im rāja yoga das Zurückhalten der Wellen im Geist yoga definiert. Und das Beobachten dieser Wellen ist entscheidend dafür, im Alltag yoga praktizieren zu können. Denn wenn wir schon mal anfangen, nicht alles zu glauben, was wir denken, sind wir einen großen Schritt weiter!