Īśvarapraṇidhāna
Das fünfte der niyamas lautet īśvarapraṇidhāna - Hingabe an īśvara (Gott). Während die dem Yoga zugrundeliegende Philosophie, das sog. Sāṃkhya-Darśana, eine rein dualistische Philosophie ist, die lediglich zwischen der materiellen, aktiven und dem steten Wandel ausgesetzten Welt - prakṛti - und dem beobachtenden, individuellen und unveränderlichen Bewusstsein - puruṣa - unterscheidet und keinen Schöpfergott kennt, nimmt Patañjali einen theistischen Aspekt hinzu, nämlich īśvara, den er in sutra 1.24 genauer definiert:
puruṣa-viśeṣaḥ kleśa-karma-vipāka-āśayaiḥ aparāmṛṣṭaḥ
“Der persönliche Gott ist ein besonderes Wesen. Er ist völlig unberührt von den leidvollen inneren Tendenzen, dem motivierten Handeln & dessen Früchten sowie dessen Überbleibsel.”
Īśvara ist also vielleicht als persönliches, vollkommenes Ideal anzusehen, dem man sein Handeln widmet. Dadurch hat man stets das höchste Prinzip vor Augen und beruhigt sein Ego und seinen Geist. Gleichzeitig lenkt der Aspekt der Hingabe das Handeln und Studium weg von rein mentaler und intellektueller Arbeit und führt es zum Herzzentrum, wodurch sich Mitgefühl einstellen kann.
Es geht also weniger darum, an einen Gott zu glauben, oder noch schlimmer - wie die abrahamischen Religionen es ihrem Grundsatz nach tun - sich vor diesem Gott zu fürchten, da er bestraft, wer sich nicht an seine Regeln hält, sondern darum, ein höheres, ein höchstes Prinzip anzuerkennen, dem man sich widmet.
Da dieses Prinzip überpersönlich ist, schafft es die Möglichkeit, dieses Prinzip auch in anderen zu erkennen und andere Menschen als dieses Prinzip zu behandeln. Im Grunde ist das der Weg des bhakti-yoga, dessen höchstes Ziel ist, alles und jeden so zu behandeln, als stünde man vor Gott höchstpersönlich.
Patañjali sagt in sutra 2:45:
samādhi siddhiḥ-īśvarapraṇidhānāt
Die vollendete Vereinigung kommt durch Hingabe an īśvara.
Damit beendet Patañjali den Abschnitt über die yamas und niyamas.