Non-Dualität und yogische Tugenden
“There is no duality! There is only what is. As I do not know how to absorb, dissolve or transcend what is, I invent here what should be”.
- Jiddu Krishnamurti
Die genannten und noch zu benennenden Tugenden sind keine Gebote, Verbote oder Regeln. Es geht also nicht darum, dass man danach streben sollte, ein gewaltloses Leben zu führen oder nicht zu stehlen. Es sind vielmehr Hinweise darauf, dass der Grundzustand, den wir durch die Konditionierung durch die Gesellschaft, Eltern und Schule beigebracht bekommen, diesen Tugenden eher nicht entspricht, weil wir lernen, falsche Identifikationen anzunehmen und aus diesen heraus zu handeln.
Nehmen wir ahiṃsā (die Gewaltlosigkeit) als Beispiel: Wenn wir versuchen, gewaltlos sein zu wollen - im Denken & Handeln - dann erzeugen wir eine Dualität in unserem Geist, die zu einem Konflikt führt.
Konkret: Wenn ich erkenne, dass meine Gedanken nicht gewaltlos sind, ich aber denke, dass ich gewaltlos sein sollte, dann versuche ich, von der "Gewalttätigkeit" zur "Gewaltlosigkeit" zu kommen.
Dieser Konflikt zwischen dem, was ist und dem, was vermeintlich sein sollte, führt zwangsläufig zu einem Zeitintervall zwischen dem gegenwärtigen Zustand (Gewalt) und dem projizierten, zukünftigen Zustand (ohne Gewalt).
Durch dieses Zeitintervall erlauben wir uns aber implizit, weiterhin kein gewaltloses Leben zu führen, denn wir sind ja noch nicht gewaltlos.
Außerdem ist es eine ontologische Trennung zwischen Vorstellung und Wirklichkeit und kann daher zu Enttäuschung und einem Gefühl, nicht gut genug zu sein, führen.
Das heißt, dass wir diese Dualität in uns gar nicht erst erzeugen sollten, weil sie faktisch nicht existiert. Vielmehr ist es so, dass wir durch yama und niyama eingeladen sind, unseren Geist zu beobachten und zu erkennen, wie diese Tendenzen in uns entstehen und vor allem, was ihre Folgen sind. Diese Erkenntnis an sich hat bereits die Fähigkeit zu transformieren.
Die Gewalt hört durch Erkenntnis ihrer Entstehung auf und das Resultat ist Gewaltlosigkeit. Die Gewaltlosigkeit hingegen, die durch Streben danach versucht wird zu erreichen, muss scheitern.
Gleiches gilt analog für die anderen yamas - satya, asteya, brahmacarya & aparigraha - sowie die fünf niyamas - śauca, santoṣa, tapas, svādhyāya & īśvara-praṇidhāna, die als nächstes folgen werden.