Gott & die Welt in der Yoga-Philosophie

Jetzt ist in den niyamas, aber auch schon in den yamas ein paar Mal das Wort Gott gefallen. Von allen missbrauchten Wörtern gibt es wahrscheinlich keins, das so sehr missbraucht wurde und wird, wie das Wort Gott. 

Als ich angefangen hab, mich mit yoga zu beschäftigen, fand ich es auch immer sehr unangenehm, wenn das Wort irgendwo aufkam oder benutzt wurde. Insbesondere die abrahamischen Religionen, mit denen wir hier im Westen hauptsächlich konfrontiert werden, haben einen sehr sonderbaren Gottesbegriff, den sie auch noch fortlaufend dafür missbrauchen, Gräueltaten zu rechtfertigen.

Dementsprechend ist es gut nachvollziehbar, sich diesem Wort und allem, wofür es steht, abzuwenden, zumal es hier im Westen und nahen Osten auch lediglich darum geht, an Gott zu glauben und sich an "seine" Regeln zu halten. 

Glaube spielt aber in keiner der indischen darśanas (Philosophien) eine zentrale Rolle. Sicherlich denken wir, wenn wir an den Hinduismus denken, an viele Götter und haben die Vorstellung, das sei alles im Grunde genau so wie bei den abrahamischen Religionen. Das ist aber nur bedingt so.

Glaube spielt in der dem yoga zugrunde liegenden sāṃkhya darśana und den anderen, sich aus den upaniṣaden ergebenden darśanas und auch dem Buddhismus keine Rolle. Im Gegenteil geht es bei eigentlich allen Wegen darum, herauszufinden, was eigentlich gemeint ist, wenn das Wort Gott benutzt wird. 

So gibt es zB das Wort "brahmavidya", was wörtlich etwa so viel wie "Gotteskenntnis" heißt. Oder "atmabodha", was man als "Erkenntnis der eigenen Ursubstanz" übersetzen könnte. Viele Texte dieser Tradition sind als Dialoge zwischen Lehrer und Schüler überliefert. Sie arbeiten mit Logik, Argumentation und innerer Erfahrung, nicht mit Dogma, Zwang und Repression. Viele der Techniken des Yoga dienen außerdem dazu, Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, die verhindern, dass der Geist so ruhig werden kann, dass er in seiner eigenen Ursubstanz ruht. 

Kurzum: Nicht zu glauben, dass es einen Gott gibt, ist eine Grundvoraussetzung der Erkenntnis, da Glaube immer eine unzureichende Antwort auf eine Frage ist. 

Aber zu glauben, dass es keinen Gott gibt, ist letztlich nur die andere Seite der gleichen Münze und bringt ebenso wenig. Ein „Ich weiß nicht“ ist für viele Menschen unbequem, weil es Unsicherheit bringt. Doch genau diese Ungewissheit hält den Geist wach, während Glaube (egal in welche Richtung) ihn beruhigt, betäubt und träge macht.

Erst in dieser lebendigen Offenheit kann man sich wirklich auf den Weg machen, herauszufinden, was mit „Gott“ eigentlich gemeint ist.

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