Das Demokratie-Dilemma - 3: Widerstehe der Versuchung, ein neues System zu schaffen.
Ein Teil des Ganzen kann immer nur einen Teil des Ganzen ändern. Aber das ganze Ganze kann eben das ganze Ganze verändern. Klingt erst mal logisch, aber was meine ich damit?
Das Demokratie-Dilemma beginnt dort, wo wir als Individuen und Gesellschaft dem folgenden Denkfehler unterliegen: Wir gehen davon aus, wir wären bloß ein Teil des Ganzen. Ich hier, das Ganze irgendwo da draußen als die Summe der Teile. Ich und die Politik. Ich und die Gesellschaft. Ich und die anderen.
Das Ego denkt sich aus dem Ganzen heraus, dabei ist es in Wahrheit nie getrennt.
Aber selbst wenn wir dann sagen: „Ich verändere mich, also verändert sich ein Teil des Ganzen“, ist das keine Veränderung im wahren Sinne. Das ist immer noch der Glaube, ich wäre ein Teil, der auf ein Ganzes einwirkt. Solange wir so denken, bleibt genau diese Trennung bestehen, die die eigentliche Ursache aller (gesellschaftlichen) Probleme ist.
Eine tatsächliche, fundamentale Veränderung passiert hingegen erst in dem Moment, wo diese Vorstellung wegfällt. Wenn wir nicht mehr denken: „Ich bin ein Teil, der etwas bewirkt“, sondern erkennen: Es gibt gar keinen Teil. Es gibt nur das Eine, das sich hier als „ich“ ausgibt.
Von außen mag das dann vielleicht noch genauso aussehen wie vorher: ein Mensch, der scheinbar sein Verhalten ändert. Aber innen ist es nicht mehr ein Teil, der versucht, das Ganze zu beeinflussen. Es ist das Ganze selbst, das durch diesen einen Punkt handelt.
Was, wenn das Ganze ungefiltert durch dich wirken darf?
Und weil die Trennung zwischen dem Teil und dem Ganzen eine Illusion ist, muss das, was für den Einzelnen gilt, auch für das, was wir Gesellschaft nennen, gelten. Aber fangen wir langsam an:
Gesellschaft wird meist als etwas verstanden, das uns von außen begegnet: ein Rahmen, in dem wir leben, eine Bedingung, der wir unterworfen sind. Genau diese Vorstellung ist bereits die Täuschung. Gesellschaft ist kein äußerer Zustand, der auf uns einwirkt. Sie ist die nach außen geworfene Erscheinung dessen, was in uns selbst stattfindet. Dabei ist für die Erkenntnis, die diese Veränderung hervorbringt, unerheblich, ob man arm ist oder reich, ob man unten steht oder oben, ob man links denkt oder rechts. Die Frage, ob ich erkenne, dass du und ich nicht voneinander getrennt sind, oder das eben nicht erkenne, stellt sich für jeden Menschen gleich. Und zwar unabhängig von seiner sozioökonomischen Lage. Solange wir unsallerdings mit meiner sozialen Stellung, oder meiner politischen Ideologie identifiziere, sind wir nicht in der Lage, über uns hinauszukommen.
Was hier geschieht, ist keine persönliche Störung eines Einzelnen. Das eine, ungeteilte Bewusstsein selbst erscheint sich fremd – es erlebt sich, als wäre es viele, getrennte Punkte, obwohl es nur eines ist, in einer Art Dissoziation. Und weil der persönliche Geist (oder englisch “mind”) das Ganze selbst nicht mehr erkennt, hält er sich für einen Ausschnitt: für diesen Körper, dieses Leben, dieses Ich, das einem anderen Ich - dem Nachbarn, dem Politiker, dem Fremden - gegenübersteht.
Aber wer sich für ein Fragment hält, wird die Verantwortung, die eigentlich nur das Ganze tragen kann, zwangsläufig an ein anderes Fragment übertragen.
Und deshalb hat Politik Macht über unser Leben. Weil wir uns als getrennt von ihr verstehen. In dem Moment, in dem diese Trennung nicht mehr gedacht wird, verliert Politik zwar nicht ihre Funktion, aber ihre Herrschaft über das, was wir für unser Leben halten.
Oder anders ausgedrückt: Was wir für die Ursache unseres Zustands halten - Verhältnisse, Systeme, Regierungen - ist tatsächlich nur das Symptom eines viel tieferen, kollektiven Zustands der Verwirrung. Wir müssen also anders herum denken: die Systeme erzeugen nicht die Verwirrung. Sie sind ihr Ausdruck.
Diese Dissoziation wird allerdings erst dann zur Krankheit im eigentlichen Sinn, wenn sie nicht mehr als Störung erkannt, sondern als normaler Zustand akzeptiert wird. Und wenn wir unsere Gesellschaft beobachten, stellen wir fest, dass eine ganze Kultur in dieser Selbstentfremdung lebt, ohne sie überhaupt noch zu bemerken. Es ist eine allgemein anerkannte Geisteskrankheit, eine Psychose oder Schizophrenie, zu glauben, man sei ein vom Rest der Existenz abgekoppeltes eigenständiges Lebewesen. Aber da es so “normal” ist, merken wir es nicht einmal. Wir merken lediglich, dass die Auswirkungen davon irrationales Verhalten hervorbringen; dass die Auswirkungen die kranke Gesellschaft sind, die wir sind. Und Teil dieses irrationalen Verhaltens ist es, zu glauben, dass wir lediglich die Systeme verfeinern müssen, damit sie endlich funktionieren.
Die Gesellschaft ist im Kollektiv schizophren.
Aber jedes System, das wir uns ausdenken, entsteht mit dem Denken und Denken ist immer geprägt von dem System, in dem es selbst entstanden ist. Es kann sich nicht über seine eigenen Grenzen hinaus etwas ausdenken, das wirklich frei davon wäre. Jedes Denken ist immer begrenzt, denn das Denken bezieht seine Inhalte aus dem, was es kennt: Erfahrungen, Ideen, Sinneseindrücke usw. Kurzum: Das Denken ist die Vergangenheit und deshalb durch sie begrenzt. Ein begrenztes Denken bringt wird demnach immer ein begrenztes System hervorbringen. Und ein begrenztes System erzeugt, aus sich selbst heraus, wieder Konflikt – ganz gleich, wie klug oder wie gut gemeint es ist.
Es scheint also, als wäre ein “System ohne System” der Ausweg. Eine Art Anarchie. Doch sobald sie gedacht, angestrebt oder gar von oben herab etabliert wird, ist sie wieder ein Konzept, eine Idee, ein Ideal, ein Gedankenkonstrukt und letztlich ihr eigenes Gegenteil. Deshalb gibt es kein “richtiges” System. Die Frage ist vielmehr, ob wir das Denken durchschauen können, das versucht, diese Systeme hervorzubringen. Das wäre der eigentliche Ausgang aus dem Dilemma.
Es bringt also nichts, weiter zu planen, weiter zu grübeln, sich anzustrengen, um eine Ordnung herzustellen. Vielmehr ist das Gegenteil nötig. Der Kosmos zeigt uns, dass das Ganze eine intrinsische Ordnung schafft, wenn es sich selbst ausdrücken darf. Wenn die innere Trennung und die Trennung zwischen innen und außen gelöst ist, stellt sich Ordnung von selbst ein.
Was wäre also, wenn sich zwischen die Wahrnehmung und die Handlung nichts zwischenschöbe. Nichts, das “lieber etwas anderes machen” möchte, anstatt das zu tun, was zu tun ist? Wenn die Wahrnehmung bereits die Handlung klarmachen und intelligent umsetzen würde? Wenn nicht das Ergebnis der Handlung wichtig wäre, sondern die Handlung selbst, die aus Wahrnehmung erwächst?
Das Ego sorgt für eine Verzerrung des reinen Bewusstseins durch Identifikation mit dem Vergänglichen.
Und was sich zwischen Wahrnehmung und Handlung schiebt ist der ich-Gedanke, ein Bild von uns selbst, unser Ego, das immer etwas findet, was es lieber täte. Wir sehen, was zu tun wäre und tun etwas anderes, weil das Bild, das wir von uns haben, unser Verlangen, unsere Bequemlichkeit oder unsere Angst dazwischentritt.
Das Schizophrene dabei ist, dass das Verlangen und die Angst selbst nur Ausdrücke davon sind, dass wir uns als getrennt erleben. Was gäbe es zu Verlangen, wenn wir der ganze Kosmos und alles darüber hinaus sind? Was gäbe es zu befürchten, wenn wir der ganze Kosmos und alles darüber hinaus sind?
Und das, was im Kleinen beim Abwasch oder dem Aufschieben von scheinbar nervigen Kleinigkeiten passiert, ist das selbe Muster, das sich im Großen als gesellschaftliche Unfähigkeit zeigt, angemessen zu handeln. Es ist 1:1 dieselbe Verschiebung, lediglich hochskaliert auf eine andere Ebene. Die gesamte Gesellschaft und der Staat sind geprägt davon, was wir “wollen” und was wir “befürchten”.
Was bleibt also zu tun?
Am wenigsten hilfreich wäre eine neue Anleitung zu befolgen. Was bleibt, ist das Beobachten dessen, was sich zwischen Wahrnehmung und Handlung schiebt. Das Abbild, das wir von uns erzeugen, als ebendas zu erkennen: ein Abbild, eine Verzerrung dessen, was ist. Und dann die Handlung auszuführen, die die Wahrnehmung uns zeigt.
Denn die Wahrnehmung bist du, nicht das Konstrukt, das dein Denken gerne wäre.